Samstag, 20. Oktober 2018

 
Montag, 18. September 2017

OSTELBIEN

"Wir sind stolz auf unsere Modellprojekte"

Holger Reinboth.Foto: TZ/Archiv

von unserem Redakteur Christian Wendt

Zum Start in die fünfte und letzte Themenwoche hat die TZ  ein Interview mit Holger Reinboth, Bürgermeister von Arzberg, geführt. Themen waren unter anderem die Vor- und Nachteile des Lebens auf dem Land:

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Beilrode/Nordsachsen. Dem streßgeplagten Großstädter geht oftmals das Leben auf dem Land durch den Kopf. Den Landbewohner zieht es indes vielfach in die Stadt, wo Jobs und ein breites Freizeitangebot locken. Ist das Leben auf dem Land tatsächlich eine romantische Traumvorstellung? Einer, der es ganz genau wissen müsste, ist Holger Reinboth aus Beilrode. Seine Heimat ist das ländliche Ostelbien. Zudem ist er durch seine Tätigkeiten täglich dran am Thema. Er kümmert sich als Regionalmanager um das LEADER-Förderprogramm in der Region „Sächsisches Zweistromland-Ostelbien“ und betreibt mit dem Ostelbienverein kleinräumige heimatliche Entwicklung in vielfältiger Art. Die Demografie- und Kulturerbe-Projekte des Ostelbienvereins betrachten das Thema. Auch die Theorie-Arbeit zum Arzberger Mehrgenerationenhaus umfasst den Bereich des ländlichen Raums. Den hat Reinboth übrigens in einer Facharbeitsgruppe vier Jahre lang deutschlandweit untersucht, die Ergebnisse auf Veranstaltungen präsentiert und als (Mit-)Autor thematische Publikationen verfasst. Mit diesem theoretischen Wissen ausgestattet, kümmert sich Holger Reinboth auch als Bürgermeister der Land-Kommune Arzberg um eine komplexe Entwicklung.

TZ: Herr Reinboth, warum schwingt oftmals ein eigenartiger Unterton mit, wenn vom „Leben auf dem Land“ zu hören ist?
Holger Reinboth: Diesen Unterton schlagen heute doch nur die „Städter“ an. Es gibt aber auch klare historische Ursachen hierfür: Schon seit dem Mittelalter zog es Menschen in die Städte. Diese boten in ihren Mauern Schutz, Arbeit und Obdach, besonders jedoch die Freiheit von der Leibeigenschaft. Der Glanz vieler Städte entstand auch durch die fleißige Hand vom Land. Trotzdem reizt heute wieder das Landleben – auch weil es nicht mehr Last und Armut, Mief und Elend, Enge und Rückständigkeit wie noch vor 100 Jahren bietet. Es ist zu einer echten Daseinsalternative geworden.

Was kennzeichnet für Sie das typische Leben auf dem Land?
In Arzberg haben wir den Begriff „Dorflebensart“ geprägt und untersetzt. Es ist das charakteristische Leben in der dörflichen Gemeinschaft, oft auch noch im familiären Generationenverbund. Aber: ländliche Kommunen altern schneller als die Städte. Den Senioren ein umfassendes und betreutes Leben in der Heimat zu bieten, ist das eine. Den Altersdurchschnitt nicht zu sehr anwachsen zu lassen, ist überlebensnotwendig. Junge Leute hier zu behalten und junge Stadt-Familien von der Alternative Land zu überzeugen ist deshalb eine immense Herausforderung. Mit unseren Vorteilen können wir aber dafür werben.

Welche Vorteile sind das?
Bei uns gibt es Kitaplätze, bezahlbares Wohnen, Natur vor der Haustür, den morgendlichen Hahnenschrei, täglichen Nicht-Stau, einen sinkenden Kriminalitätstrend und das freundliche „Hallo“ vom Nachbarn.

Welche Probleme machen den ländlichen Regionen Ihrer Meinung nach besonders zu schaffen?
Sie sind im Heute sehr oft schon ganz gut eingerichtet, aber sie müssen allseitig zukunftsfähig gemacht werden. Land-Kommunen müssen den Spagat zwischen Bewahren und Erneuern schaffen. Zur Zukunft gehören dann neben solider Daseinsfürsorge und Infrastruktur auch neue Mobilitätsformen, die E-Ladestation an der Gemeindeverwaltung, der Hotspot am Dorfanger und das 100 Mbit-Netz. Es umfasst also alle Bereiche und Strukturen des gemeindlichen Lebens, das heute und auch zukünftig sicher nur mit starken ehrenamtlichen Strukturen funktioniert.

Die werden aber oftmals schon recht arg in Anspruch genommen, oder?
Das stimmt. Das zivile Engagement leistet eigentlich zu viele gesellschaftliche Aufgaben – das fängt beim Bürgermeisteramt an und setzt sich über die  Flüchtlingsbetreuung, Alltagsbegleitung und Feuerwehr bis hin zum Organisieren des Dorflebens fort. Freilich, es wird gern getan. Aber es verdient mehr Würdigung im Wortsinn.

Kann das Land den Anschluss an die Ballungszentren herstellen oder muss man sich von der Vorstellung gleicher Lebensbedingungen in Stadt und auf dem Land verabschieden?
Warum sollte das Leben im Dorf das städtische kopieren? Es will ja gerade bewusst abgrenzen, Alternativen aufzeigen und anbieten – ein Dasein fern von Lärm, Hektik, Luftverschmutzung und Anonymität. Für dörfliche Lebensqualität stehen soziale Geborgenheit, Natur-Idylle, Heimatstolz. Der ländliche Raum verdient jedoch weitere Aufwertung. Denn: Gäbe es ihn nicht, hätten die Städte keine Autobahn-Anbindung, keine Überland-Stromtrassen, keinen Gasanschluss und keine frische Versorgung mit Landprodukten. Allein schon diese Tatsachen dürften mehr nötiges ländliches Selbstbewusstsein erzeugen. Das Land kann’s.

Welchen Einfluss können diesbezüglich Förderprogramme wie das jetzige LEADER-Programm haben?
Land-Kommunen kranken oft an Infrastrukturschwäche und Finanzknappheit. Daher kompensieren Förderprogramme für den ländlichen Raum einen zusätzlichen Geldbedarf, auch um mehr freiwillige Aufgaben erfüllen zu können. Und sie erweitern die Möglichkeiten von Investitionen. Das LEADER-Programm in unserer Region Sächsisches Zweistromland-Ostelbien will so mit 75-prozentiger Förderung auch junge Familien zum Bauen anlocken, die Wirtschaft ankurbeln, Vereinsvorhaben unterstützen und kommunale Projekte umsetzen.

Wie ist die Resonanz in der Bevölkerung auf diese Fördermöglichkeit?
Die LEADER-Möglichkeiten werden immer mehr hinterfragt. Aber sie ergänzen auch sehr wirkungsvoll die bereits bestehende Palette umfangreicher thematischer Förderungen, die darauf zielen, Defizite in den ländlichen Regionen auszugleichen, sie wettbewerbsfähiger zu machen und attraktiver zu gestalten.

Sie selbst haben als Arzberger Bürgermeister mit dem Bürgerbus erste positive Erfahrungen sammeln können. Gibt es Projekte in anderen Regionen, die Sie selbst gerne umsetzen würden?
Wir sind stolz auf unsere Modellprojekte „Bürgerbus“ mit dem Landkreis Nordsachsen und „Familienfreundliche Kommune“ mit dem sächsischen Familienverband, präsentieren uns gern bei „Unser Dorf hat Zukunft“ und anderen Wettbewerben. Aber wir schauen natürlich auch stets über den Tellerrand. Die Mittelsächsische Nestbau-Zentrale und der Generationenbahnhof Erlau sind reizvolle Projekte aus Sachsen, aber auch zum Beispiel die norddeutschen Windenergie-Vorhaben mit Bürgerbeteiligung, das Dorfladen-Netzwerk, ländliche Startup-Unternehmen oder alternatives Regionalgeld sind interessante Ansätze für brauchbare Ideen zur Entwicklung des ländlichen Raumes.

Wird das Leben auf dem Land angesichts vielerorts sinkender Einwohnerzahlen künftig noch bezahlbar sein?
Das alltägliche Leben schon, die Grundstückspreise erst recht und die unentgeltliche Ruhe besonders. Aber wie sich Solidargemeinschaftsprodukte wie der ÖPNV, die Angebote der Daseinsvorsorge oder auch die Preise für Trink- und Abwasser entwickeln, kann nur orakelt werden. Hier ist die große Politik mit der Bereitschaft zu einem enkeltauglichen Denken und Handeln sowie zur Mitfinanzierung gefordert. Aber nicht nur fordern ist notwendig, sondern speziell die Eigeninitiative. Wollen die Land-Kommunen weg vom Image Bevölkerungsverlust mit Immobilienleerstand und drohender Entsiedlung mit Wüstung, dann sind Ideen zum Gegensteuern gefragt.

Woran denken Sie dabei?
Perspektiven im Dorf für die eigene Jugend aufzuzeigen, um nach Studium und Ausbildung zurückzukehren oder junge Großstadt-Familien anzulocken, die nicht täglich eine nervige Stunde durch Leipzig sondern eine entspannte S-Bahn-Stunde bis Leipzig fahren wollen, weil sie lieber auf dem Lande leben. Das ist die Herausforderung, der wir uns stellen müssen.

Welche Formen bürgerschaftlichen Engagements wird es über das bereits Bestehende in zehn oder zwanzig Jahren auf dem Land wohl geben?
Sicher besteht die Vereinsvielfalt als Motor weiterhin und bilden sich thematische Bürgerinitiativen und Interessenverbünde. Aber auch die Daseinsberechtigung von engagierten Gemeinde- und Ortschaftsräten, starken Vertretungen der Elternschaft in Kindereinrichtungen und Schulen sollte sich weiterentwickeln; und offene regionale Kirchgemeinschaften sowie vielleicht auch mehr Genossenschaften könnten Bausteine künftiger demokratischer Gemeinde-Strukturen mit dem Ziel der ländlichen Zukunftsfähigkeit sein. Gespräch: Christian Wendt


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