Freitag, 20. Juli 2018

 
Dienstag, 21. November 2017

BELGERN-SCHILDAU

Unklare Zukunft

Familie Berisha am Krankenbett der Tochter. Tiefe Augen und traurige Minen zeugen davon, dass die fünf Kosovaren aktuell nicht vom Glück verfolgt werden. Foto: privat

von unserem Redakteur Sebastian Lindner

Bereits vor anderthalb Jahren drohte den Berishas die erzwungene Rückkehr in ihre Heimat. Die konnte damals nur nicht vollzogen werden, weil die Frau gerade hochschwanger war und Ärzte einen Flug für zu gefährlich hielten.

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Belgern. Es gab ohnehin schon nicht mehr allzu viele Leute, die sich eine Jamaika-Koalition gewünscht hätten und seit gestern ist das sowieso Geschichte. Für Bujar Berisha ist das allerdings ein Nackenschlag. Ein weiterer. Der Kosovare, der mit seiner Frau Mimosa und den drei Kindern in Belgern lebt, sah darin seine letzte Chance, in Deutschland bleiben zu können. Denn die Familie steht vor der Abschiebung. Schon wieder – oder immer noch.

Bereits vor anderthalb Jahren drohte den Berishas die erzwungene Rückkehr in ihre Heimat (TZ berichtete). Die konnte damals nur nicht vollzogen werden, weil die Frau gerade hochschwanger war und Ärzte einen Flug für zu gefährlich hielten. Wochen zuvor hatte sie in der Ausländerbehörde in Unkenntnis und ohne Übersetzer ein Papier unterschrieben, dass die freiwillige Ausreise regelte. Offenbar gilt das Formular immer noch. Denn in der vergangenen Woche standen die Vollzugsbeamten kurz vor 23 Uhr ohne Vorwarnung wieder vor der Tür. „Wir hatten zehn Minuten Zeit und sollten 80 Kilogramm Gepäck zusammenpacken. Das war alles“, sagt Bujar Berisha unter Tränen, als er den Fall in der TZ-Redaktion schildert. Die älteste Tochter, 17 Jahre alt, verkraftete den nächtlichen Besuch überhaupt nicht und liegt seitdem im Krankenhaus: Nervenzusammenbruch. „Wieder mal Glück im Unglück“, erklärt Vater Berisha, denn dies sei der einzige Grund, warum die Familie noch in Deutschland sei.

Und dass, obwohl die die Berishas – damals wie heute – ein Musterbeispiel für gelungene Integration sind. Bujar Berisha arbeitet Vollzeit bei HIT-Holz, ist zudem anerkanntes Mitglied bei den Rolandstädter Blasmusikanten und den Heide Guggis, spielt dort Schlagzeug. Seine Frau Mimosa hat einen Integrationskurs durchlaufen und will eine Ausbildung in der Pflege beginnen. Die beiden ältesten Kinder besuchen Torgauer Schulen, die große Tochter steht vor dem Abschluss und zählt zu den besten in ihrer Klasse.

Warum die Familie nun wieder vor der Abschiebung steht, versteht auch Thomas Eifler nicht. Der Belgeraner unterstützt sie nach Kräften, kennt sie über den Musikverein und war damals Initiator einer Petition, mit der Familie Berisha in der Rolandstadt gehalten werden sollte. „Was wir jetzt noch tun können, weiß ich auch nicht“, zeigt sich der Belgeraner Stadtrat resigniert. „Fakt ist aber, dass durch so ein Verhalten der Behörden das Engagement der Bevölkerung und der ehrenamtlichen Integrationshelfer mit Füßen getreten wird.“ Ressourcen und Zeit, die ein jeder, der die Familie unterstützt hat, geopfert hat, würden dadurch obsolet, was sich selbstverständlich auch auf die Motivation der Helfer auswirken würde. Und während eine vollständig integrierte Familie aus dem Kosovo abgeschoben würde, könne ein Syrer, der Dreck am Stecken habe, hierbleiben. „Damit nimmt sich die Politik doch mal wieder selbst jegliche Glaubwürdigkeit“, sagt Eifler verbittert.
Genau die Herkunft ist das Problem der Berishas. Denn anders als Syrien, Iran, Irak, Eritrea und Somalia zählen Flüchtlinge aus dem Kosovo nicht zu jenen mit „guter Bleibeperspektive“, wie es das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) nennt. Der Westbalkanstaat wird als sicheres Herkunftsland gewertet – oder je nach Definition auch als Drittstaat –, was mit anderen Worten bedeutet, dass ihm in der Heimat keine Gefahr droht, wenn er zurückgeschickt wird.

„Aber Angela Merkel hat uns Hoffnung gemacht, als sie in Torgau war“, sagt Bujar Berisha. Er hält große Stücke auf die CDU. Und auch auf Marian Wendt. Der Bundestagsabgeordnete kennt den Fall der Berishas. „Wir standen schon in Kontakt, als der Familie das erste Mal die Abschiebung drohte“, sagt er. Zwei Lösungswege sehe er für das Problem. „Wenn die Berishas jetzt ausreisen, können sie in der deutschen Botschaft in Pristina (Anm. d. Red.: die Hauptstadt des Kosovo) mit gültigem Arbeitsvertrag schnell ein Visum erhalten und ganz legal als Einwanderer zurück nach Deutschland kommen.“ Persönlich wolle er sich dafür einsetzen, dass der entsprechende bürokratische Akt schnell vollzogen wird.

„Dieses Angebot haben wir schon bekommen“, sagt Bujar Berisha, schüttelt dabei aber gleich den Kopf. „Im Kosovo sind alle Behörden korrupt. Entweder man bezahlt viel Geld oder man wartet zwei Jahre oder ewig auf das Visum.“ Weil ihm in seiner Heimat nichts mehr geblieben ist, hilft ihm das nicht weiter. Ein zusätzliches Erschwernis in diesem Fall: „Wenn ich jetzt mit meiner Familie weg muss, kann meine Tochter ihren Abschluss an der Oberschule nicht machen, obwohl sie bloß noch ein halbes Jahr braucht. Und, was viel schlimmer ist: Sie wird Anfang 2018 volljährig, deswegen könnte ich sie nicht wieder als Familienmitglied mitnehmen.“
Deshalb ist ihm die zweite Lösung, die Marian Wendt anbieten kann, viel lieber. Und deswegen hofft er darauf, dass nun, wenn schon nicht Jamaika, eine neue Koalition mit CDU-Beteiligung so schnell wie möglich besiegelt wird. Denn: „Wir wollen in den Koalitionsvertrag schreiben, dass gut integrierte Flüchtlinge mit Arbeitsvertrag ein Visum direkt über die Ausländerbehörde beantragen können, ohne ausreisen zu müssen“, erklärt Wendt gegenüber TZ.

„Das wäre für uns die optimale Lösung“, sagt Berisha, wohlwissend, dass es dafür Zeit braucht. Zeit, die er aber nicht hat. Sobald die Tochter das Krankenhaus verlässt, könnten die Behörden jeden Tag wieder vor der Tür stehen, um die Familie abzuschieben. In all den schlaflosen Nächten seit dem Besuch der Polizei hat er darüber nachgedacht, warum „wir so unfair behandelt werden. Wir haben keinem etwas getan. Wir sind integriert, ich gehe arbeiten, zahle meine Steuern. Ich verstehe es einfach nicht.“

Doch trotz allen Unverständnisses sagt er auch: „Wenn wir gehen sollen, dann werden wir auch gehen.“ Er hege keine Groll gegen die Polizei. „Sie haben sich korrekt verhalten.“ Trotzdem würde er lieber auf die Eskorte verzichten. „Wenn man uns loswerden will, okay, aber bitte nicht so. Sagt uns eine Woche vorher Bescheid, dann können wir uns vorbereiten.“ Alles was er hat, habe er in sein neues Leben in Deutschland investiert. „Dann schicken wir unser Hab und Gut zurück. Aber nur mit 80 Kilogramm Gepäck bei drei Kindern kann man nicht überleben. Und wenn ich gehen muss, dann freiwillig, ohne Polizei. Wenn, dann will ich als freier Mann gehen und nicht wie ein Tier weggebracht werden.“ Ein ehrenvoller Abgang sei alles, was er in diesem Fall wolle. Und eine Rechnung vom Staat, auf der alles steht, was man für ihn und seine Familie bezahlt habe. Die wolle er dann begleichen. „Ich will keine Schulden hinterlassen.“


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