Donnerstag, 19. Juli 2018

 
Freitag, 5. Januar 2018

TORGAU

"Wir bezahlen spitzenmäßig"

HIT-Geschäftsführer Günther Hilmer. Foto: TZ/Archiv (C. Wendt)

von unserem Multimedia-Redakteur Sebastian Lindner

Torgau. Nach der seiner Meinung nach haltlosen Kritik in der Torgauer Zeitung im Zusammenhang mit der Torgauer Kriminalitätsstatistik, sein Unternehmen würde billige Arbeitskräfte aus Osteuropa beschäftigen, war Günther Hilmer, Geschäftsführer der Holzindustrie Torgau (HIT), angefressen.

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Gegenüber TZ legte er im Gespräch eine Liste mit Namen, Tätigkeitsprofil und Stundenlohn vor, auf der alle Brutto-Stundenlöhne weit über den Grenzwerten des Mindestlohnes lagen (Anm. d. Red.: öffentlich machen wollte er sie aber auch mit unkenntlich gemachten Namen nicht). Anschließend holte er im Interview zum großen Rundumschlag aus.

TZ: Herr Hilmer, zumindest auf der Liste, die Sie vorgelegt haben, die aber ganz sicher nicht vollständig ist, liegen die Löhne weit über Mindestlohnniveau.  Demnach kann von Billigarbeitern überhaupt keine Rede sein.
G. Hilmer:
Anstatt ohne Beweise zu behaupten, wie es auch Herr Starke von der Polizei getan hat, wir würden schlecht bezahlen, hätte ich mir da schon etwas mehr Recherche erhofft. Denn eigentlich, das muss ich jetzt mal so sagen, zahlen wir spitzenmäßig.

Aber dann stellt sich die Frage, wieso Sie auf Gastarbeiter zurückgreifen und nicht auf einheimische Arbeitskräfte aus der Region.
Sehen Sie, da sind wir jetzt beim eigentlichen Punkt. Ich habe nämlich gar keine andere Wahl. Natürlich würde ich auch lieber Leute von hier einstellen als welche aus Osteuropa zu nehmen, aber die wollen nicht. Wir haben immer Stellen in der Ausschreibung, einfache Arbeiten, zehn Handgriffe. Da muss man nicht studiert haben. Aber glauben Sie, da kommt jemand von hier und fragt nach Arbeit? Das können Sie vergessen.

Woran liegt das denn?
Die wollen nicht. Warum auch – ich kann das im Prinzip nachvollziehen. Vom Staat gibt es genug Geld, um auch ohne Arbeit zu überleben. Man muss auch ohne Arbeit nicht hungern.

Sie kritisieren den Sozialstaat?
Ich kritisiere das kranke System, das Sie so nennen. Aber dieses System ist nicht sozial. Oder halten Sie es etwa für sozial, wenn vom Mindestlohn oder Gehältern knapp darüber Steuern abgezogen werden, um die arbeitsunwilligen zu finanzieren? Wenn ich dann noch sehe, was die Firmen für Kosten haben und das vergleiche mit dem, was am Ende bei den Leuten ankommt, ist das nicht normal. Bei einem Bruttolohn von unter zehn Euro dürfte es keine Steuern geben, sonst ist ja überhaupt kein Anreiz da, arbeiten zu gehen. Aber das ist nur ein Punkt.

Was sind die anderen?
Uns entgleist doch das ganze System.  Es gibt so viele Punkte. Beispiel gefällig? Wir wollen ein ganzheitliches, gemeinsames Europa, schaffen es aber nicht mal, in Deutschland einen einheitlichen Bildungsstandard einzuführen! Wie sozial ist es denn, wenn ein Abitur in Bayern eine ganz andere Wertigkeit hat als das in Schleswig-Holstein? Oder wie sozial ist es, wenn Millionen und Abermillionen Euro Steuergelder in einen BER-Flughafen investiert werden, von dem die Bevölkerung nichts hat? Oder ist es sozial, wenn man als Arbeitgeber genötigt wird, ein positives Arbeitszeugnis auszustellen, statt eines realistischen? Oder, noch eine Sache: Ist es denn sozial, dass die Gesetze und Richtlinien dermaßen kompliziert sind, das nicht jeder in der Lage dazu ist, seine Steuererklärung selber zu machen?

Jetzt schweifen wir aber ganz schön vom Thema ab ...
Dann spannen wir den Bogen eben wieder zurück. Das Steuerrecht – und natürlich nicht nur das – ist viel zu umständlich, viel zu undurchsichtig. Großkonzerne mögen damit vielleicht keine Probleme haben, aber wir Mittelständler haben damit nur Probleme. Wir haben im Prinzip nur zwei Möglichkeiten. Entweder wir investieren massenhaft und planlos, einfach um das Geld nicht an den Staat abzudrücken. Oder wir verschenken unsere Gewinne einfach an den Staat als Steuern und veralten so als Firma. Rücklagen bilden ist so praktisch nicht möglich. Einen vernünftigen Weg lässt man uns nicht. Am Ende liegen auch darin die Gründe, warum Kurzzeit- und Leiharbeit  so stark vertreten sind.

Auch in Ihrer Firma?
Wir haben bei 600 Festangestellten bis zu 100 Leiharbeiter. Da haben wir Verträge mit den Leihfirmen, das sind dann meistens auch die Osteuropäer. Aber grundsätzlich gefällt mir das Prinzip der Leiharbeit schon nicht, deswegen werden wir das auch wieder zurückfahren.

Weil die osteuropäischen Leiharbeiter genauso teuer sind, wie die hiesigen Festangestellten?
Das ist überhaupt nicht der Punkt. Sobald der Leiharbeitsvertrag ausgelaufen ist, sitzen die Gastarbeiter hier fest, ohne Arbeit. Und natürlich steigt dann irgendwo das Risiko der Kriminalität. Denn, sind wir doch mal ehrlich: Was hat denn ein Kleinkrimineller heute noch zu verlieren? Im Prinzip wird ihnen das Stehlen noch schmackhaft gemacht, sie werden zur Gewalt animiert.

Wie ist das zu verstehen?
Wir haben keine vernünftige Gerichtsbarkeit, kein vernünftiges Rechtssystem.  Was glauben Sie denn, wie schwierig es ist, einem Dieb seinen Einbruch nachzuweisen? Wenn er nicht auf frischer Tat ertappt wird, dann hat er doch nichts zu befürchten. Und wenn er gerade beim Diebeszug erwischt wird, dann legt er seine Beute wieder zurück und das war‘s. Kommt doch mal einer ins Gefängnis, ist es doch das Paradies. Gerade die Osteuropäer haben doch in ihrer Heimat keinen Lebensstandard. Die kommen her und sitzen ein, werden dort dann rund um die Uhr betreut. Also entweder Beute oder ein warmes Dach über den Kopf. Könnte schlimmer laufen. Wir müssen uns also nicht wundern.

Nun sind die Kriminellen aber nicht nur die Ausländer.
Nein, keineswegs. Einen Werteverlust gibt es auch in unserer Gesellschaft. Viele Menschen, vor allem aber die Jugendlichen, haben keinen Anstand, keine Moral, keine Erziehung mehr. Aber auch das ist ein hausgemachtes Problem. Man muss klar wissen, was man darf, und was nicht.

Zumindest in diesem Punkt stimmen Sie mit Herrn Starke überein. Aber noch mal ein anderes Thema: ein großer Gesichtspunkt unserer Zeit ist ja auch die Problematik der Integration von Asylbewerbern.
Ganz genau. Wir haben es auch schon mit einigen Flüchtlingen versucht, die haben sich auch ganz ordentlich angestellt. Allerdings wurden die uns dann wieder weggenommen.

Warum?
Das frage ich mich auch. Aber laut Gesetz dürfen die ja nicht sofort arbeiten. Und wir reden von Integration. Nirgendwo integriert man sich besser, als auf der Arbeit. Da lernt man doch Sprache und Kultur besser als woanders. Stattdessen gibt es für jeden erstmal zum Teil idiotische Programme.

Was können Sie daran ändern? Oder der Mittelstand, ja, der gemeine Bürger?
Anders als uns weisgemacht wird, leben wir nicht in einer Demokratie, sondern in einer Bananenrepublik. Die AfD, die im Prinzip zu großen Teilen aus früheren CDU- oder SPD-Mitgliedern besteht, wird in den Parlamenten grundsätzlich ausgegrenzt. Selbst, wenn es Punkte sind, die genauso oder ähnlich in den Programmen der anderen Parteien stehen: Kommt der Antrag von der AfD, wird er grundsätzlich abgelehnt. Das hat nichts mit Demokratie zu tun. Und deswegen ist es auch schwierig, überhaupt etwas zu verändern, was den Etablierten nicht so in den Plan passt.


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