Samstag, 18. August 2018

 
Samstag, 3. Februar 2018

NORDSACHSEN

"Wir haben Reste eines vergessenen Dorfes entdeckt"

Dr. Sven Conrad (l.) und Dr. Wolfgang Ender mit den rekonstruierten Kugeltöpfen. Foto: TZ/N. Wendt

von unserem Redakteur Nico Wendt

Mockritz. Ein trister Acker an der Weinske. Abgeerntet im letzten Herbst. Regen fällt, die Gegend wirkt grau. Doch gerade dieses unscheinbare Stück Land weckt derzeit das größte Interesse der Archäologen. Die Experten sind sich sicher: Hier befand sich vor Jahrhunderten ein Dorf!

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Längst vergessen. Doch eine Grabung im vergangenen Jahr brachte die kleine Sensation ans Tageslicht. Das Landesamt für Archäologie Sachsen:  Dr. Wolfgang Ender, Referatsleiter und Dr. Sven Conrad, Grabungsleiter, betrachten voller Begeisterung die Fundstücke, die das Erdreich freigegeben hat. Die Landestalsperrenverwaltung wird in den nächsten zwei Jahren an der Weinske einen völlig neuen Deich zum Schutz vor Hochwasser bauen. 600 Meter lang. Stabil genug, der nächsten Elbeflut zu trotzen. Wie vorgeschrieben, sind zuvor archäologische Untersuchungen nötig.

Völlig ohne Erwartungen gingen die Fachleute freilich nicht ans Werk. Schließlich galten Flüsse und ihre fruchtbaren Auen seit jeher als bevorzugter Siedlungsraum für unsere Urahnen. Ein Teststreifen wurde angelegt – das heißt, es wurde in einem schmalen Streifen die Grasnarbe entfernt. Die Spuren im Boden zeigten rasch an, dass man auf eine bedeutsame Stelle gestoßen war. „Wo immer ein Mensch je ein Loch gegraben hat, wird es für uns später immer wieder zu sehen sein“, beschreibt Dr. Ender ein hilfreiches Phänomen. Das liege einfach an der Veränderung der Bodenschichten, wenn dieses Loch wieder verfüllt wird.

In Mockritz kamen schnell wichtige Fundstücke ans Tageslicht: Vor allem Scherben geben viel Aufschluss, lassen eine zeitliche Einordnung zu und liefern eine Menge Erkenntnisse. Gräben, Reste von Siedlungen, Werkstätten, Schmiedeanlagen – den Archäologen bot sich ein spannendes Betätigungsfeld. „Wir haben vor allem zwei Stellen ausfindig gemacht, eine kleine nicht so bedeutsame und eine andere zirka ein Kilometer nordwestlich von Elsnig“, beschreibt Dr. Sven Conrad. Man legte zum Beispiel die Reste eines Grubenhauses frei. Zwei Feuerstellen waren erkennbar, vier Fußböden mit einer jeweils 10 bis 20 Zentimeter dicken Lehmschicht. Wahrscheinlich wurde das Grubenhaus mehrfach von Hochwassern heimgesucht – die Deiche gab es ja damals noch nicht – so dass immer ein neuer Fußboden entstand.

Etwa sechs mal zwei Meter betrug die Größe des Hauses. Den Keramikfunden zufolge stand es im späten Mittelalter, kurz vor dem 14. Jahrhundert. Es gelang sogar, mit Hilfe der Scherben wieder zwei für diese Zeit typische blaugraue Kugeltöpfe zusammen zu setzen. „Damit wurde früher gekocht und zum Teil nutzte man sie, um Dinge aufzubewahren wie Essen“, erklärt Dr. Ender. Dass die Wiederherstellung der Töpfe (sogar mit Deckel) gelang, war auch für die Archäologen eine Überraschung. So häufig kommt es nicht vor, dass so viele passende Scherben auftauchen, um ein intaktes Gefäß zu rekonstruieren.
Entdeckt wurden auch Dinge aus Metall, wahrscheinlich hatte es sich um eine Hacke und um Nägel gehandelt.

In etwa 75 bis 80 Zentimeter Bodentiefe fand sich das meiste an. „Man kann sich gut vorstellen, wie hier eine Familie gelebt hat. Solche Siedlungen umfassten oft nicht mehr als 20 bis 25 Hofeinheiten“, so der Referatsleiter. Das Areal in diesem Bereich der Weinskeaue ist etwas höher gelegen und bot damit Schutz, wenn der Fluss wieder mal anstieg. Das Archäologen-Team, bestehend aus fünf bis sechs Personen, war zwischen September und Anfang November immer wieder vor Ort um zu graben. Parallel liefen die Recherchen in den unterschiedlichsten Archiven. Mit Erfolg: „Wir haben in einem preußischen Meilenblatt, gedruckt um 1800, sogar Bezeichnungen entdeckt. Unter anderem den Namen „Kolben“. Ein slawisches Wort, das für „Gründlinge fangen“ steht. Also könnte es sich um ein Fischerdorf gehandelt haben. Wir wissen auch, dass die Stelle schon um 1200 besiedelt war“, trägt Dr. Conrad die Erkenntnisse zusammen.

Wahrscheinlich sei der Platz erst Ende des 14. Jahrhunderts aufgegeben worden. Dies wiederum könne mit einer klimatischen Veränderung zu jener Zeit zusammenhängen, denn statt der warmen und trockenen Sommer gab es nun mehr feuchtes und kälteres Wetter, so dass andere Standorte zum dauerhaften Leben besser geeignet waren, erläutert Dr. Ender. Dass der Ortsname „Kolben“ rund 400 Jahre später noch bekannt war, zeigt aber, dass das Dorf lange existiert haben muss. Eine weitere Bezeichnung in der alten Karte – Pechstücken – weist darauf hin, dass hier wohl Pech gewonnen wurde, also dass eine Köhlerei in Betrieb war. „Wir stoßen bei unserer Arbeit oft auf Grabstellen und Siedlungsreste.

Ganz in der Nähe gab es auch Spuren aus dem 6. und 5. Jahrhundert vor Christus. Aber der Fund dieses mittelalterlichen Dorfes und die Verknüpfung mit der historischen Landkarte – so etwas gelingt eher selten“, zieht Dr. Ender Bilanz. Das Team werde die archäologischen Erkenntnisse genau dokumentieren, die Fundstücke gehen ins Archiv nach Dresden und es werden auch wissenschaftliche Veröffentlichungen in der Fachpresse folgen. Dem Deichbau indes steht nichts mehr entgegen. Die Arbeiten können im Frühjahr problemlos beginnen.


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