Dienstag, 19. Februar 2019

 
Montag, 5. Februar 2018

NORDSACHSEN

"Gleichstellungsarbeit muss selbstverständlicher werden"

Die Aktion „Mut schöpfen“ am 16. September 2017 im Schlosshof in Torgau zählte für Carola Koch zu den Höhepunkten des vergangenen Jahres. Foto: TZ/Archiv/Leukhardt

Elisa Perz

Nordsachsen. Seit rund dreieinhalb Jahren ist Carola Koch als Gleichstellungsbeauftragte von Nordsachsen im Amt. Der Torgauer Zeitung berichtete sie, was sich seither in Bezug auf die Gleichstellung von Mann und Frau verändert hat und wie es in diesem Jahr weitergehen wird.

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TZ: Was hat sich in den letzten Jahren in Sachen Gleichstellung von Mann und Frau verbessert?
C. Koch: Als positives Beispiel kann ich die Beteiligung von Vätern an der Elternzeit nennen. Diese ist in den vergangenen Jahren im Landkreis gestiegen. Außerdem hat sich auch der Männeranteil in Kindertageseinrichtungen erhöht. Nichtsdestotrotz sind Männer im erzieherischen und pflegerischen Bereich nach wie vor in der Unterzahl. So gibt es auch noch keine Versorgung mit Tagesvätern im Landkreis Nordsachsen. Somit ist in diesen Bereichen noch Luft nach oben.

Das sind sicherlich nicht die einzigen Themenfelder mit Verbesserungsbedarf.
Nein. Der Alltag von Frauen und Männern stellt sich in vielen gesellschaftlichen Bereichen in unserem Landkreis immer noch sehr unterschiedlich dar. Betrachten wir das Thema häusliche Gewalt. In der darauf bezogenen Statistik des Landkreises erkennt man deutliche Unterschiede zwischen den Geschlechtern. Opfer häuslicher Gewalt sind in fast zwei Dritteln der registrierten Fälle Frauen. Aber auch Männer werden Opfer häuslicher Gewalt, erstatten allerdings in den wenigsten Fällen Anzeige.
Oder nehmen wir das Thema Politik. Laut amtlicher Wahlstatistik ist der Anteil der Frauen im Kreistag von Nordsachsen rückläufig. Waren es zur Kommunalwahl 2008 noch 18,8 Prozent Mandatsträgerinnen, so sind es seit der Kommunalwahl 2014 nur noch 16,3 Prozent.
Doch das sind nur einige Beispiele. Auch in anderen Themenfeldern zeigen sich weiterhin geschlechterspezifische Unterschiede.

Welche Gründe sehen Sie hierfür?
Neben den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen sind es oft auch familiäre Umstände und geschlechtertypische Rollenzuschreibungen, welche die Entwicklung von Frauen und Männern beeinflussen.

Hat sich auch bezogen auf den Beruf von Gleichstellungsbeauftragten etwas Neues ergeben?
Ja. Ein bedauerlicher Aspekt ist, dass es in Nordsachsen mittlerweile in sechs Gemeinden, davon in zwei Städten, keine Gleichstellungsbeauftragte (mehr) gibt. Dabei müssten Gemeinden mit einer eigenen Verwaltung laut der Sächsischen Gemeindeordnung eine Gleichstellungsbeauftragte bestellen, bei mehr als 20 000 Einwohnern soll diese Aufgabe hauptamtlich erfüllt werden. Doch solange die Kommunalaufsicht das nicht einfordert, wird nichts unternommen.

Ohne eine feste Regelung wird sich daran also nichts ändern.
Eher nicht. Ich erhoffe mir daher, dass das „moderne Gleichstellungsgesetz für Sachsen“ noch in der aktuellen Wahlperiode im Sächsischen Landtag beschlossen wird. Momentan gilt das Frauenförderungsgesetz von 1994, und trotz einiger guter Ansätze bedarf es einfach einer Neuerung. Das neue Gesetz kann beispielsweise dazu beitragen, die Aufgaben von Frauen- und Gleichstellungsbeauftragten klarer zu regeln und eine höhere Akzeptanz der Gleichstellungsarbeit zu erreichen.  Diese muss selbstverständlicher werden.
   
Haben Sie im letzten Jahr Rückmeldungen von Bürgern erhalten?
Bei unserer Aktion „Mut schöpfen“ am 16. September 2017 im Schlosshof in Torgau haben wir sowohl von Bürgerinnen und Bürgern als auch von Tagestouristen viel positive Resonanz erhalten. In Erinnerung ist mir besonders eine Bürgerin geblieben, die mir erzählte, dass sie sich erst aus ihrer gewalttätigen Beziehung gelöst hat, nach dem die Kinder den Haushalt verlassen hatten.

Gab es Reaktionen von Personen aus der Region in Folge der MeToo-Bewegung?
Nein. Weder wurde diese Debatte bei mir von jemandem angesprochen, noch wurde die Problematik „sexualisierte Gewalt“ anderweitig stärker aufgegriffen. Es gab aber schon immer Aktionen und Veranstaltungen zu dem Thema und das wird auch in diesem Jahr der Fall sein.

Wie stehen Sie selbst zu der Debatte?
Meine Meinung ist zweigeteilt. Ich kann mich nicht einfach hinter das stellen, was geschrieben und berichtet wird. Schließlich war ich nicht dabei und weiß nicht, was wirklich vorgefallen ist.

Haben Sie 2017 Ihre angestrebten Ziele erreicht?
Bei der Gleichstellungsarbeit geht es um Aufklärung, Information und Sensibilisierung und auch darum, Netzwerk- sowie Kooperationsarbeit zu leisten. Aktionen und Projekte sind deshalb sehr hilfreich, aber an sich ist Gleichstellungsarbeit ein langfristiger Prozess. Mein Ziel ist es, das Bewusstsein für Geschlechtergerechtigkeit und Chancengleichheit zu schärfen. Dazu gehören so wichtige Themen wie Gewalt gegen Frauen und Männer, ungleiche Bezahlung, Frauen in Führungspositionen, geschlechtersensible Berufsorientierung, sprachliche Gleichstellung oder Chancengleichheit im ländlichen Raum.

Welche Aktionen und Projekte sind hierfür 2018 geplant?
Für dieses Jahr gibt es bereits zwei feste Termine: Am 30. Mai trifft sich das Netzwerk häusliche Gewalt im Landkreis Nordsachsen auf Schloss Hartenfels in Torgau zu seinem jährlichen Arbeitstreffen, bei dem Aktivitäten sowie Projekte für das laufende Jahr besprochen werden, und am 26. Oktober findet ein Fachtag zum Thema „häusliche Gewalt“ im Delitzscher Rathaus statt.
Daraufhin stehen ebenfalls im November zwei Veranstaltungen an. Zum einen die sächsische Frauenwoche, an der sich auch der Landkreis Nordsachsen beteiligen wird. Diese Woche wird vom Verein des Landesfrauenrates Sachsen anlässlich des Internationalen Tages gegen Gewalt an Frauen initiiert. Zum anderen soll die Aktion „Büchertisch“ zum 25. November ausgebaut und auch in den Landkreis getragen werden.
Doch das sind nur einige Ideen. Beispielsweise ist anlässlich von „100 Jahre Frauenwahlrecht in Deutschland“ eine weitere Aktion geplant und ich werde auch weiterhin an regionalen Aktionstagen mitwirken.    
 

 


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