Freitag, 27. April 2018

 
Samstag, 14. April 2018

TORGAU

Als Torgau (fast) menschenleer wurde

Die Apothekerfamilie Käding verließ Torgau am 14. April 1945, nachdem der Befehl an die Torgauer Zivilbevölkerung ergangen war, die Stadt zu verlassen. Im Hintergrund die Panzersperre zwischen Schlossstraße und Marktplatz sowie das Rathaus.Foto: Quelle: Archiv StSG/DIZ Torgau, Privatbesitz Brandt

Elisabeth Kohlhaas

Torgau. Auf den Tag genau vor 73 Jahren begann am 14./15. April 1945, einem Wochenende wie auch in diesem Jahr, die allerletzte Phase des Zweiten Krieges in Torgau. Die Torgauer Zeitung nimmt diesem Umstand zum Anlaß, um in Zusammenarbeit mit dem Torgauer Dokumentations- und Informationszentrum zurück zu blicken.

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Jene allerletzte Phase des Krieges dauerte zehn Tage lang, bis zu dem legendären Zusammentreffen der amerikanischen und sowjetischen Soldaten auf der Torgauer Elbbrücke am Nachmittag des 25. April 1945. Der symbolträchtige „Handschlag an der Elbe“ in Torgau ging damals um die Welt, auch wenn dem Zusammentreffen in Torgau bereits die Begegnungen an der Elbe in Strehla und in Kreinitz am selben Tag vorangegangen waren.

Die historische Begegnung hat sich bis tief in die Geschichte der Stadt Torgau eingebrannt. Sie trägt zur Identität Torgaus und zum Selbstverständnis als „Stadt der Begegnung“ bei. Als „Elbe Day“ wird sie bis heute jedes Jahr mit einer feierlichen Zeremonie am „Denkmal der Begegnung“ und mit einem Volksfest gefeiert. Die Geschichte des berühmten Zusammentreffens lässt sich jedoch nicht vollständig erzählen, ohne von den Wehrmachtgefängnissen und vom Reichskriegsgericht in Torgau zu sprechen. Kein Gedenken des historischen Handschlags, ohne an die Schrecken der Wehrmachtjustiz in Torgau und an die Opfer zu erinnern. Beides gehört untrennbar zusammen.

Denn der Anlass für die Robertson-Patrouille, am 25. April 1945 entgegen ihrem Befehl überhaupt nach Torgau zu kommen, war die Suche nach alliierten Kriegsgefangenen und Verwundeten im Wehrmachtgefängnis Fort Zinna. Ohne die Existenz des Wehrmachtgefängnisses in Torgau wären die amerikanischen Soldaten vermutlich nicht in die Stadt gekommen. Und das nachträgliche Foto des Handschlags wäre womöglich ganz woanders am Elbufer entstanden.
Dieser Zusammenhang ist heute weitgehend in Vergessenheit geraten. Hier deshalb ein Blick auf die Geschehnisse der Wehrmachtjustiz in Torgau in den letzten Tagen vor dem Kriegsende.

Die Tage der Evakuierungen

Am 14. und 15. April 1945 wurde Torgau zu einer nahezu menschenleeren Stadt. An diesen beiden Tagen erfolgten mehrere Evakuierungen in der Stadt. Sie führten dazu, dass sich nach dem Wochenende nur noch wenige Angehörige der Wehrmacht, der Polizei und der Feuer- wehr in Torgau befanden – und viele Tausend Wehrmachthäftlinge im Fort Zinna.

Die Zivilbevölkerung, darunter viele Flüchtlinge, erhielt unter Androhung des Todes den Befehl, die zur Festung erklärte Stadt bis 12 Uhr mittags zu verlassen. „Es setzte eine wahre Völkerwanderung ein“, beschrieb ein Augenzeuge das Szenario. Auf Fuhrwerken, mit Handkarren und Fahrrädern machten sich die Menschen auf, um möglichst bei Verwandten im Umkreis Unterschlupf zu finden.

Auflösung der Wehrmachtjustiz in Torgau

Auch die Angehörigen des Reichskriegsgerichts setzten sich an diesem Tag aus der Stadt ab. Sie führten über ihren Abzug aus Torgau am 14. April 1945 und ihren anschließenden Weg sogar ein „Kriegsreisetagebuch“. „10.00 Uhr Beginn der Verladung“ steht darin zu lesen, „10 Güter-Wagen und 2 Personenzug Wagen 3. Kl. Heranschaffung des Gepäcks aus Kaserne und Stadt mit Pferdewagen […] Mittagessen im Zuge, Verteilung von Wein“. Die Richter und ihre Mitarbeiter planten, ihren neuen Dienstsitz in Freising bei München zu nehmen. Sie gelangten nur bis ins tschechische Böhmen, wo sie am 5. Mai 1945 in amerikanische Kriegsgefangenschaft genommen wurden.

Räumung der Wehrmachtgefängnisse

Am 14. April 1945 wurde auch das Wehrmachtgefängnis Brückenkopf geräumt. Die Häftlinge wurden bis ins Erzgebirge getrieben, wo amerikanische Truppen sie am 8. Mai befreiten.Ebenso begann an diesem Tag die Evakuierung des Wehrmachtgefängnisses Fo rt Zinna. In mehreren Anläufen setzte das Wachpersonal die Häftlinge an dem Wochenende in Marsch. Für die Wehrmachtgefangenen brachten diese Märsche weitere Qualen mit sich.
Einer der Häftlinge, der die erste Teilräumung des Gefängnisses miterlebte, war Johannes Baltzer. Der Pfarrer schilderte nach dem Krieg, wie am Samstag zunächst eine militärische Sonderkommission ins Fort Zinna kam und unter den Häftlingen eine Bewährungstruppe für die Front zusammenstellte. Sie sollte noch in den letzten Kampf geworfen werden. Auch wenn die Häftlinge wussten, dass es sich bei solchen Einheiten um Himmelfahrtskommandos handelte, meldeten sie sich sofort für den Einsatz. Denn damit schien ihnen die Freiheit näher zu rücken.

Wehrmachthäftlinge als letztes Aufgebot für die Front

„Bis abends 22.00 Uhr spielte sich auf dem Gefängnishof die Aufstellung von drei Regimentern ab“, beschrieb Baltzer die Geschehnisse im Fort Zinna am 14. April 1945. Und weiter: „Dieser paramilitärische Zug sollte noch in der Nacht an der Elbe entlang über Mühlberg-Riesa nach dem großen Truppenübungsplatz Zeithain geführt werden. Ich kann es nicht mit gebührenden Worten umschreiben, was es für uns bedeutet hat, dass sich in dieser denkwürdigen Nacht nicht weniger als 7 (sieben!) eiserne Türen, Absperrungen  und Tore geöffnet haben – und wir scheinbar selbstverständlich hindurchgehen konnten. […] Die ersehnte Freiheit brach an.“
Mehr als 3000 Häftlinge, von Johannes Baltzer als „wankende Gestalten“ beschrieben, schlurften auf dem Weg nach Zeithain spät am Abend des 14. April 1945 in der nächtlichen Dunkelheit durch Torgau. Baltzer gelang es, sich am Torgauer Bahnhof unbemerkt von der Kolonne zu entfernen. Er schlug sich nach Kleinböhla bei Dahlen durch. Dort versteckte ihn eine Bauernfamilie, bis der Krieg endgültig aus war.

Rückkehr der Häftlinge

Ein zweiter Versuch, die Wehrmachthäftlinge aus dem Fort Zinna zu bekommen, wurde gleich am nächsten Tag unternommen. Am Sonntagmorgen, 15. April 1945, wurde ein weiterer Tross in Marsch gesetzt. Zurück in Torgau blieben nur die ausländischen und die kranken Wehrmachtgefangenen.
Der Luxemburger Häftling Pierre Fah beschrieb die Räumung des Fort Zinna am Sonntagmorgen so: „Am frühen Morgen war der Abmarsch in Richtung Westen. Die Stadt Torgau schien verlassen. Unser ganzer Haufen wurde von Strafkompanien bewacht. Während die gefangenen deutsche Generäle auf Pferdewagen Platz nahmen, wurde der Marsch für uns immer unerträglicher, da wir uns in den vorhergehenden 4-5 Monaten nur mit Fußketten fortbewegen konnten. Am späten Nachmittag hörten wir MG-Feuer. Daraufhin Aufenthalt und Schlafen in einem Wald. Die Generäle durften während der Nacht flüchten. Morgens um 3 Uhr, Rückmarsch nach Torgau.“
                                                                                                       Fortsetzung folgt


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