Donnerstag, 15. November 2018

 
Donnerstag, 13. September 2018

TORGAU

Erste Bekanntschaft mit der Stadt Torgau

Von Dr. Hans Brock

Der langjährige Mediziner Dr. Hans Brock berichtet über Kindheitserlebnisse – 1945/46

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Torgau/Herzberg. Leider endete die Klasse in Herzberg lange vor dem Schuljahresende. Erst die nachfolgende Mittelschulklasse wurde als Oberschule bis zum Abitur weitergeführt. So musste ich mich wie andere Herzberger vor mir und mit mir nach der nächsterreichbaren anderen Oberschule umsehen. Im Frühjahr 1946 betrat ich zum ersten Mal Torgauer Boden. Vom Bahnhof aus fand ich an einem uralten, verfallenen Fahrradschuppen vorbei und auf einer hölzernen Behelfsbrücke über den Schwarzen Graben hinweg quer durch das Glacis und am Russenfriedhof entlang meinen Weg in die Torgauer Innenstadt. Das Gebäude des früheren Gymnasiums, zuletzt „Mackensen-Oberschule (für Jungen)“, das während des Krieges als Hilfslazarett gedient hatte, war noch nicht wieder frei.

Als Ausweichquartier diente seit Jahren das Gebäude mit der rotbraunen Klinkerfassade an der Ecke Fischerstraße/Schulstraße (heute Straße der Jugend), das ehemalige Lyzeum, “Katharina-von-Bora-Schule“. Die Jungen- und Mädchenklassen drängten sich auf engstem Raum, das Haus platzte aus allen Nähten. Näheres darüber erfuhr ich allerdings erst viel später. Entscheidend war für mich im Augenblick der lapidare Bescheid des Direktors, Oberstudiendirektor Wehlert, mich erst wieder im Herbst zum nächsten Schuljahr zu melden.

So war guter Rat teuer. Ich fürchtete, nach so langer Pause den Anschluss nicht mehr zu schaffen; denn insgesamt hatte ich ja von zwei Schuljahren jeweils nur die Hälfte mitgekriegt, das eine halbe Jahr auch noch aufgeteilt auf zwei verschiedene Mittelschulen. Und so machte ich mich selbständig ans Lernen. Ich hätte mich ja am liebsten am Unterricht des Volkslehrerlehrgangs beteiligt, aber ich fühlte mich diesen Erwachsenen gegenüber zu befangen, um auch nur danach zu fragen.
Bei einem Torgauer Schüler, der in Herzberg zuhause war, erkundigte ich mich, wie weit die Torgauer in Latein seien. Beim Caesar. Also besorgte ich mir ein Exemplar und ein Wörterbuch und arbeitete einige Kapitel durch. Und ich erlebte das Buch als regelrecht spannenden Kriegsroman. Die Abneigung gegen den Text dürfte nicht zuletzt daher rühren, dass er in der Schule normalerweise nur abschnittsweise gelesen wird und dann lediglich als trockener lateinischer Übungstext ohne Sinnzusammenhang. - Deutsch erarbeitete ich mir aus der Literaturgeschichte, die mein Vater sich für die Unterrichtsvorbereitung besorgt hatte. Er stürzte sich mit aller Intensität in seine neue Aufgabe, die ihn offenkundig voll befriedigte. Nach den langen Jahren des Kampfes mit unbotmäßigen Unterstufenschülern, für den er an sich nur unvollkommen vorgebildet war, durfte er ja nun endlich wieder gemäß seiner Qualifikation für die Gymnasialstufe unterrichten. Die dafür notwendigen Unterlagen klaubte er sich zusammen, wo immer er sie finden konnte.

Hintereinander gelesen sind solche Lehrbücher viel interessanter als stückweise im Laufe mehrerer Schuljahre dargeboten, das war mein Eindruck beim Studium dieser Literaturgeschichte. Übungshalber, nur für mich selbst, schrieb ich auch die Hausaufsätze mit, die die Lehrgangsteilnehmer aufbekamen. Mathematik konnte ich anhand der kurzen, didaktisch m. E. hervorragenden Lehrhefte auffrischen, die damals als Ersatz für die aus dem Verkehr gezogenen Lehrbücher aus der NS-Zeit überall in den Buchläden auftauchten. In Biologie allerdings war ich in Verlegenheit. Bestimmte Abschnitte suchte ich mir aus einem alten Lexikon heraus, aber die unzähligen Einzelheiten, zum Beispiel in einem Abschnitt über Bakterien, Farne usf. verwirrten mich eher, als dass ich davon profitiert hätte.
An einigen Unternehmungen der Lehrgangsteilnehmer beteiligte ich mich aber doch. Damals wurde die FDJ gegründet, ausdrücklich als überparteiliche antifaschistische Jugendorganisation, und dagegen hatte ich durchaus nichts. Wie viele der Kursteilnehmer nahm ich auch an den Diskussionsabenden im Herzberger Volkshaus teil.

Zu dieser Zeit meinte man noch offen diskutieren zu können, jeder wollte sich eine eigene Meinung zu den Entwicklungen bilden, die im Osten genauso wie im Westen auf eine offene demokratische Gesellschaft in einem geeinten Deutschland hinauszulaufen schienen. Sonstige Ablenkungen gab es kaum, also ging man zu den politischen Veranstaltungen. Ich nehme an, es war am 1. Mai, als auf dem Markplatz vor dem Herzberger Rathaus eine große Versammlung stattfand. Als zündender, begeisternder Redner trat der Rektor der Grundschule vor die Öffentlichkeit. Er war ebenfalls Flüchtling oder Vertriebener aus dem Osten: „Umsiedler“, wie man nun offiziell zu sagen hatte, seit sich alle Hoffnungen zerschlagen hatten, die Oder-Neiße-Grenze würde nur vorübergehend eine Rückkehr in die Heimat verhindern. Er hatte seinen Posten nur bekommen, weil er versichert hatte, nicht Parteimitglied gewesen zu sein. Ich sehe ihn noch vor mir, wie er die Faust zum Gruß emporriss. Kurze Zeit später war er abgelöst; wie so viele Umsiedler hatte er nur vorübergehend den Vorteil genießen können, dass niemand seine Vergangenheit kannte. – Mich selber fragte damals niemand nach der „Reichsschule“. Wäre ich an meinen Heimatort zurückgekehrt, hätte das für mich den Besuch einer Oberschule zunächst vereitelt. Dass es vielen meiner Feldafinger Mitschüler so ergangen ist, erfuhr ich erst Jahrzehnte später. . .

Zu jener Zeit warb in Herzberg neben den Parteien auch ein Jesuitenpater um die Seelen der aufgestörten Deutschen. Die Kursteilnehmer hatten viel Zeit. Sie konnten ja nicht alle jeden Abend in der „Wolfsschlucht“ herumhocken, in dem kleinen Lokal ein Stückchen hinter dem Markt in Richtung Mittelschule. Den Zeitumständen gemäß war die Gastronomie dort äußerst ärmlich, und so verlockend-verrucht wie sein Ruf dürfte das Etablissement auch nicht gewesen sein. Warum dann nicht auch mal zum Priester? Nicht wenige, darunter Vertriebene und frisch dem Krieg entkommene Soldaten, suchten nach einer neuen Orientierung. Und der rhetorisch hervorragend geschulte Pater wusste zu fesseln. Der Raum war überfüllt.
Auch mein Vater wollte sich anhören, was seinen Kursteilnehmern dargeboten wurde. Und ich durfte mit. Ich erinnere mich dunkel, dass uns der Priester anhand der scholastischen (oder kartesianischen?) Gottesbeweise zum Glauben zu bekehren suchte. Keiner der Anwesenden hätte auch nur im Traum daran denken können, diese Sophismen aufzulösen. Immerhin wagte ich mich mit einer skeptischen Frage vor. Dem Gesicht des Priesters war zu entnehmen, dass er den Vorstoß des Halbwüchsigen als vorlaut und unangemessen empfand. Jedenfalls waren das anregende Abende, und dem Jesuitenforum hätte es auch weiterhin nicht an Hörern gefehlt, wenn da nicht Oberleutnant Wolfson gewesen wäre, der Politoffizier der Kommandantur. Er untersagte den Kursanten schlichterhand die Teilnahme. So viel schon damals zur offenen demokratischen Gesellschaft.


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