Donnerstag, 15. November 2018

 
Freitag, 14. September 2018

TORGAU

Hoffnung für syrische Familie

Kai Emanuel.Foto: TZ/Archiv

von unserer Volontärin Elisa Perz

Torgau. Ende August wurden eine Mutter und ihre Tochter nach eigenen Aussagen auf offener Straße geschlagen. Der Schock sitzt noch tief. Landrat Kai Emanuel hat sich zum Tag der Sachsen persönlich mit ihnen getroffen.

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Es ist Samstagmittag. Der Tag der Sachsen ist in vollem Gange. Die Menschen lachen, sind fröhlich und genießen das Volksfest. Inmitten dieses Trubels erscheint Nordsachsens Landrat Kai Emanuel in der Wintergrüne, um sich dort einem ernsten Thema zu widmen. Begleitet wird er von Nadja Mohsen-Zaher, der Sprachmittlerin des Landratsamtes Nordsachsen. Erwartet werden sie von einer syrischen Familie: Mutter Widad und ihr Mann, die älteste Tochter Sedra und deren Schwester, die beiden Söhnen sowie die Schwiegertochter samt Enkelkind. Außer letzterem wohnen alle sieben seit 2015 in Torgau. Vorher sind sie aus ihrer Heimat geflohen, um sich in Deutschland ein neues und vor allem friedliches Leben aufzubauen. Doch seit rund drei Wochen lebt die Familie in Angst. Besonders Widad und Sedra trauen sich kaum auf die Straße, erst recht nicht alleine.

Rückblick

Der Grund für ihre Furcht liegt mehrere Wochen zurück. Am 23. August wurde die Mutter zusammen mit ihrer Tochter laut eigener Aussage von einem Mann angegriffen und geschlagen. Beide waren gemeinsam – mit Kopftuch bekleidet – in Torgaus Innenstadt unterwegs und nur noch wenige Meter von ihrer Haustür entfernt, als sie einem 39-Jährigen begegneten. „Bereits von weiter weg hörten wir ihn laut ,Scheiß Ausländer‘ rufen“, berichtet die Schülerin der Oberschule Nordwest. Als sie mit dem Mann schließlich auf einer Höhe war, habe er ihr grundlos ins Gesicht geschlagen. Ihre Mutter sei ihr daraufhin sofort zu Hilfe geeilt, um sie zu schützen und habe dadurch selbst Schläge abbekommen. Trotzdem sei es der 48-Jährigen gelungen, ein Foto des Mannes mit dem Handy aufzunehmen und um Hilfe zu schreien. „Es hat keiner reagiert. Dabei waren genug Leute auf der Straße, die zumindest die Polizei hätten benachrichtigen können.“
Immerhin wurde einer der beiden Söhne von Widad, der sich zu diesem Zeitpunkt in der Wohnung der Familie befand, durch die lauten Rufe auf den Vorfall aufmerksam und verständigte die Beamten. Als er nach dem Telefonat mit der Polizei auf die Straße zu seiner Mutter und Schwester stürmte, war der vermeintliche Angreifer bereits geflüchtet. Die Polizisten machten mit der Personenbeschreibung der Familienmitglieder innerhalb kurzer Zeit danach einen Tatverdächtigen ausfindig, der auch direkt verhört wurde.

Ermittlungen laufen

Im Moment ermitteln Staatsanwaltschaft und Polizei unter anderem wegen des Tatvorwurfs der vorsätzlichen Körperverletzung. Jana Friedrich, Sprecherin der Leipziger Staatsanwaltschaft, teilte hierzu auf TZ-Anfrage mit: „ Zum jetzigen Zeitpunkt kann noch nicht abgeschätzt werden, wann und mit welchem Ergebnis die Ermittlungen abgeschlossen sein werden. Das Ziel der derzeit laufenden Ermittlungsmaßnahmen ist es, den tatsächlichen Geschehensablauf sowie die Motivation beziehungsweise die Hintergründe umfassend aufzuklären. Gegenstand der Ermittlungen ist auch, ob der Tatverdächtige – so sich seine Täterschaft im Ergebnis der Ermittlungen belegen lassen sollte – möglicherweise zum Zeitpunkt der Tat aufgrund einer Erkrankung beziehungsweise einer Intoxikation (Anm. d. Red.: Vergiftung) in der Fähigkeit, das Unrecht seiner Tat einzusehen beziehungsweise nach dieser Einsicht zu handeln, beeinträchtigt gewesen sein könnte.“

Zurück zum Tag der Sachsen

Die beiden Frauen mussten nach dem Geschehnis zwei Tage im Krankenhaus stationär behandelt werden. Bei dem Treffen mit dem Landrat sind die äußerlich erkennbaren Verletzungen größtenteils verheilt. Doch der seelische Schock sitzt nach wie vor tief. „Wir sind heute das erste Mal seit dem Vorfall wieder auf die Straße gegangen. Zu groß war unsere Angst, erneut angegriffen zu werden. Vor allem, da der Täter weiterhin in Torgau herumspaziert, als ob nichts gewesen wäre und wenige Tage nach dem Ereignis sogar noch einmal an unserer Tür geklingelt hat“, berichtet die Schülerin Landrat Emanuel. Ihn bewegt das Schicksal der geflüchteten Familie. „Der Vorfall muss genau aufgeklärt werden. Wenn es zu Übergriffen gekommen ist, so sind die dafür Verantwortlichen natürlich zu bestrafen.“
Im Gespräch bietet er für die beiden Betroffenen psychologische Unterstützung an. „Ein eventueller Ansprechpartner wäre hierfür zum Beispiel der Mosaikverein in Leipzig, der für ein erstes Gespräch auch zu Ihnen kommen würde“, sagt er. Auch nach Alternativen in Torgau werde Ausschau gehalten. „Ebenso wie meine Mitarbeiter sehe ich mich in der Verantwortung, gute und tragfähige Lösungen für das friedliche Leben miteinander bei uns im Landkreis zu erreichen. Dazu zählt auch die Integration jener, die zu Recht hier Asyl gefunden haben. Auch deshalb ist dieses intensive Gespräch mit Ihnen für mich wichtig.“

Arbeit

Der Landrat weist in diesem Zusammenhang darauf hin, dass vor allem die Aufnahme einer geregelten Arbeit notwendig sei, wenn Integration gelingen solle. „Man knüpft Kontakte mir Arbeitskollegen, hat einen geregelten Tagesablauf, lernt eine andere Umgebung kennen und sammelt neue Erfahrungen.“
Genau das ist auch der Wunsch der jeweiligen Familienmitglieder. Während die jüngste Tochter gerade noch die Grundschule in Torgau besucht, sich dort sehr wohlfühlt und in ihrer Freizeit kleine Geschichten auf Deutsch verfasst, möchte  die 17-jährige Sedra später Ärztin werden. Ihre Brüder würden gerne dem Beruf des Kfz-Mechatronikers beziehungsweise einem in der IT-Branche nachgehen. Der Vater erhofft sich hingegen eine Stelle im Elektrobereich, da er in diesem Einsatzfeld bereits in seiner Heimat tätig war. Dabei gibt es jedoch zwei Hindernisse, wie er selbst auf arabisch erklärt: „Zum einen sind die hierfür notwendigen Papiere nicht in Deutschland und zum anderen habe ich mit der Sprache Probleme.“

Sprachliche Hindernisse

Damit steht der Vater nicht alleine da. Denn auch wenn sich die beiden Söhne durch die Kurse an der hiesigen Volkshochschule (VHS) auf Deutsch im Alltag einigermaßen verständigen können, reicht es für eine Ausbildung nach ihren Erklärungen nicht aus. So fehle es an dem B2-Deutsch-Zertifikat und an notwendigen Fachbegriffen, die sie an der VHS nicht beigebracht bekommen würden. „Dort lernen wir nur, wie wir die deutsche Sprache im Alltag anwenden“, erzählt einer der Männer. Der Landrat verweist daher auf die Möglichkeit, vor dem Beginn der tatsächlichen Ausbildung ein sogenanntes Berufsvorbereitungsjahr zu absolvieren. „Währenddessen kann man sowohl im Betrieb arbeiten als auch die Berufsschule besuchen. Dadurch sammelt man bereits Erfahrung für den späteren Bildungsweg, aber die Ausbildung beginnt eben erst im Folgejahr“, schildert Emanuel.

Hier und Jetzt

Nichtsdestotrotz fällt es insbesondere den syrischen Frauen auch nach dem Treffen mit dem Landrat nicht leicht, wieder in ihr normales Leben zurückzukehren. Die Erinnerung an den Übergriff Ende August wiegt noch zu stark. Sedra war seither keinen einzigen Tag in der Schule, da sie sich nicht traut, die Wohnung alleine zu verlassen. Um dieser Angst entgegenzuwirken, hat sich die Familie entschlossen, umzuziehen. In Torgau werden sie zwar bleiben, aber nicht in der momentanen Straße. „An dem Tatort zwingend vorbeigehen zu müssen, wenn wir unterwegs sind, und den Leuten, die den Vorfall beobachtet und nicht reagiert haben, täglich zu begegnen, ist unerträglich. Doch mithilfe einer neuen Wohnung und traumatischer Betreuung hoffen wir, das Erlebte verarbeiten zu können“, zeigt sich Sedra stark und macht deutlich: Sie und ihre Familie schauen nach vorn.


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