Montag, 22. Juli 2019

 
Freitag, 12. April 2019

TORGAU

"Kein Mitleid, sondern Mitgefühl"

Foto: privat

henrik Landschreiber

Susann Scharf über ein starkes Tier, Facebook und eine Herzensangelegenheit

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Torgau  Im SonntagsWochenBlatt-Gespräch erklärt Susann Scharf, Trauerbegleiterin für Kinder und Jugendliche beim Verein Wolfsträne e.V., warum sie in Torgau eine Zweigstelle errichten möchte.

SWB: Was verbirgt sich hinter dem Vereinsnamen Wolfsträne e.V.?
Susann Scharf:
Der Verein wurde von Katrin Gärtner und einigen ehrenamtlichen Mitarbeitern in Leipzig gegründet. Im September 2018 haben sich 13 weitere ehrenamtliche Mitarbeiter zum Trauerbegleiter für Kinder  und Jugendliche qualifiziert. Ich möchte in Torgau gern eine Art Zweigstelle errichten, wo sich betroffene Kinder und Jugendliche treffen und ihre Trauer verarbeiten können. Wir sind auf der Suche nach Sponsoren für Arbeitsmaterialien.
Womit beschäftigt sich der Verein genau?
Der Verein richtet sich an trauernde Kinder und Jugendliche bis 21 Jahre, deren Leben sich nach dem Tod eines geliebten Angehörigen, Freunds, Mitschülers grundlegend verändert hat. Was allen gemein ist: Der Schmerz und die Sehnsucht sind unerträglich groß. Einige Mitarbeiter von Wolfsträne kennen diese Gefühle, haben den Schmerz durchlebt und viele Jahre an der nicht verarbeiteten Trauer gelitten und haben erst als Erwachsene gelernt, wie wichtig für eine gesunde persönliche Entwicklung Trauerarbeit ist. Heute stehen wir mitten im Leben und können unsere Erfahrungen weitergeben und anderen helfen.  
Der Vereinsname ist ungewöhnlich: Was ist mit Wolfsträne gemeint?
Der Wolf ist in der Gemeinschaft des Rudels ein starkes Tier und scheinbar unverwundbar. Bricht wie bei uns Menschen eine Säule im Leben weg, fallen Stabilität und Unbeschwertheit wie ein Kartenhaus zusammen. Die Träne steht für Trauer. Der Verlust eines geliebten Menschen für trauernde Kinder und Jugendliche ist nicht zu unterschätzen. Familien werden komplett erschüttert. Wolfsträne möchte, dass Betroffene zu neuer Stärke gelangen und sich neu finden.
Wie unterstützen Sie Betroffene?
Wir versuchen durch Gespräche, Beobachten und Spiele, Gefühle herauszuarbeiten. Vor allem ehrlich und kindgerecht, nicht romantisierend.
Wie meinen Sie das?
Kinder und Jugendliche können mit Verlust und Tod besser umgehen als wir denken. Es darf keine Verklärung geben, so nach dem Motto: Papa ist eingeschlafen und sitzt auf einer Wolke – ihm geht es jetzt besser. Bereits Säuglinge können den Verlust und die Veränderungen in Familien spüren.
Ist der Tod nicht nach wie vor ein gesellschaftliches Tabu-Thema?
Ja. Es wird verschwiegen, verdrängt, verheimlicht und gelogen. Wolfsträne e.V. möchte den Verlust eines geliebten Menschen mit Trauerbewältigung aus der Tabuzone holen. Der Tod passiert täglich. Kinder können ihre Gefühle schlecht ausdrücken und scheinen nicht auffällig. So denken wir. Dabei hat die Trauer viele Facetten wie übertriebenes Fröhlichsein, Depressionen und Lethargie, Wut oder Verlustängste und Aggressionen.
Betroffene bauen eine Fassade als Schutz auf?
Ja. Sie sind gut im Verdrängen, können aber nicht ausdrücken, was in ihnen vorgeht und was sie fühlen. Deshalb klingt manche Aussage „Ich gehe jetzt zum Fußball-Training oder zu Freunden!“ während der Zeit des Trauerns befremdlich. Es wechseln sich Fröhlichkeit und Trauer ab. Wir nennen das Springen in Pfützen.
Sind Sie selbst betroffen?
Ich war im Alter von sieben Jahren Vollwaise, habe den Schmerz selbst erlebt und viele Jahre darunter gelitten. Ich bin durch die nicht bewältigte und verarbeitete  Trauer krank geworden. Im Laufe der Zeit lernte ich, wie wichtig Trauerarbeit ist. Heute kann ich meine Erfahrungen weitergeben und anderen helfen.    
Wie sensibilisiert man Kinder und Jugendliche für das Abschiednehmen und den Tod?
Wichtig ist, über alles offen zu reden. Kinder können durchaus mit zu Beerdigungen gehen, und am Sarg Abschied nehmen oder bei Entscheidungen für eine Trauerfeier wie beim Aussuchen des Grabschmucks, des Grabsteins oder der Trauermusik mit einbezogen werden.
Wie wurden Sie auf Wolfsträne e.V. aufmerksam?
Vor zwei Jahren starb der Partner einer Freundin. Ich habe mich in der gemeisamen Tochter der beiden selbst erkannt. Auf Facebook wurde mir die Seite von Wolfsträne vorgeschlagen. Für mich  ist es eine Herzensangelegenheit, in Torgau eine Zweigstelle zu eröffnen. Wir möchten Trauernden die Hand reichen: Sie müssen nicht erst krank werden.
Ist geteiltes Leid halbes Leid?
Genau. Man darf nicht mitleiden, sondern mitfühlen.
Was schwebt Ihnen für ein Raum in Torgau vor?
Ein kleiner Rückzugsort mit Toilette und Stauraum für unsere Bastelmaterialien. Vielleicht finden wir auf diesem Weg jemand, der uns helfen kann, wir suchen immer nach neuen Mitstreitern und Sponsoren.
Was werden Sie bei den Treffen mit trauernden Kindern und Jugendlichen unternehmen?
Im Vorfeld und bei Bedarf ist eine individuelle Einzelbegleitung möglich. Es gibt viele Möglichkeiten, je nach Alter, wie das Basteln einer Kiste der Schätze und als festes Ritual eine Kerze anzünden. Aber viel wichtiger ist die Aufarbeitung von Gefühlen, manchmal gar Schuldgefühlen. Die Betroffenen sollen mit ihrer Trauer nicht allein sein, sondern sagen, was sie beschäftigt, ihre Wünsche und Sorgen äußern. Hat man sich einmal geöffnet, kann es einem besser gehen.
Wie wollen Sie noch auf den Verein Wolfsträne e.V. aufmerksam machen?
Es gibt unsere Flyer für die betreffenden Einrichtungen wie Krankenhäuser, Hospiz, Kindergärten, Schulen und Bestattungshäuser. Wir bieten bei Bedarf und auf Wunsch Informationsveranstaltungen an.
Kontaktdaten Susann Scharf per Telefon 01522 2343123 oder unter E-Mail wolfstraene@mail.de
Alle Informationen auf
www.wolfstraene.de


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