Donnerstag, 25. April 2019

 
Montag, 15. April 2019

TORGAU

Der Weg weg von Suizidgedanken

Marie Kreßkiewitz schreibt ihre Bücher alle am Laptop mit der rechten Hand.Foto: TZ/Perz

von unserer Volontärin Elisa Perz

Torgau. Marie Kreßkieiwtz hat zwei Mal veruscht, sich das Leben zu nehmen. Heute ist die Torgauerin froh, dass ihre Suizidversuche gescheitert sind. Ihre Vergangenheit verarbeitet sie in Büchern.

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Leipzig. Ein Wohnblock irgendwo mitten in der Stadt. Marie Kreßkiewitz befindet sich im fünften Stock. Am Fenster. Ihr Blick geht nach unten. Zwölf Meter trennen sie vom Gehweg. Die Höhe nimmt sie durch den eingeworfenen Cocktail aus Medikamenten nicht wahr. Und selbst wenn, es wäre ihr egal. Sie will springen. Sie will sich das Leben nehmen. Sie sieht keinen anderen Ausweg.

Gegenwart

Diese Situation liegt mittlerweile mehr als acht Jahre zurück. Am 11. März 2011 unternahm die damals 24-jährige Frau ihren zweiten Selbstmordversuch. Sie sprang, doch sie überlebte. Passanten entdeckten sie auf dem Bürgersteig und riefen den Krankenwagen. Die Notärzte mussten Marie Kreßkiewitz wiederbeleben. Dabei erlitt sie einen Schlaganfall. Seither ist sie links halbseitig gelähmt und sitzt im Rollstuhl. Aber sie ist glücklich. Ihre Erlebnisse hat sie bereits in mehreren Büchern verarbeitet. Erst vor Kurzem erschien ihr sechstes mit dem Namen „Mein Leben und der Suizid“, das die Autorin auch auf der Leipziger Buchmesse ausstellte. Zudem konnte sie vor wenigen Tagen ihr siebtes Werk „Cindy und die Liebe I“ veröffentlichen. Das stellt zum ersten Mal keine Autobiografie dar, sondern handelt von einer fiktiven Geschichte. Allerdings kommt das Thema Selbstmord darin genauso wie in jedem anderen ihrer Bände zum Tragen.

„Durch die Bücher kann ich mir meine Vergangenheit von der Seele schreiben. Das Erlebte und meine Gedanken müssen einfach raus aus meinem Kopf“, sagt die 32-Jährige, die seit fast einem Jahr in Torgau wohnt. Tagsüber wird sie bei der Tagespflege des DRK Kreisverband Torgau-Oschatz betreut, nachmittags holt sie ihr Freund zu sich nach Hause. Aufgewachsen ist die Schriftstellerin hingegen in Wurzen. Zusammen mit ihren beiden Geschwistern, ihrem zehn Jahre älteren Bruder und der fünf Jahre älteren Schwester, und ihren gehörlosen Eltern lebte sie in einer Sechs-Raum-Wohnung. Ihr Vater sei Alkoholiker gewesen und habe ihre Mutter geschlagen, berichtet die Torgauerin. Mit dieser Situation klar zu kommen, sei schwierig gewesen. „Zumal auch mein Bruder und meine Schwester zeitnah ausgezogen sind. Ich habe dann in meiner Jugendzeit versucht, viel mit Freunden zu unternehmen, um nicht zu Hause sein zu müssen.“

Erster Suizid mit 18

Aber ihr Leben entwickelte sich dadurch in keine bessere Richtung. Mit 17 Jahren diagnostizierten Ärzte bei ihr Schizophrenie. Mit ihrer Krankheit kam die Teenagerin nicht klar. Es sei alles durcheinander gewesen, sie haben nicht mehr schlafen können und gedacht, dass die Leute aus ihrem Umfeld schlecht über sie reden würden. All das hielt sie schließlich nicht mehr aus: Einen Tag nach ihrem 18. Geburtstag versuchte sie, ihrem Leben zum ersten Mal ein Ende zu setzen. Zu Hause bei sich und ihrer Familie. Die Schizophrenie-Patientin sammelte alle Tabletten zusammen, die ihr aufgrund ihrer Krankheit verschrieben wurden und die sie im Arzneischrank ihrer Mutter finden konnte. Hätten ihre Eltern sie nicht durch Zufall in ihrem Zimmer entdeckt und mit der Hilfe von Nachbarn den Notarzt verständigt, wäre Marie Kreßkiewitz am nächsten Tag nicht wieder aufgewacht.

Anschließend folgten mehrere Klinikaufenthalte. Zwischenzeitlich gelang es der gebürtigen Wurzenerin, eine Ausbildung zur Rechtsanwaltsgehilfin zu absolvieren. Ihre Abiturprüfung hatte sie zuvor nicht bestanden. „Das war natürlich ein Tiefschlag für mich gewesen. Aber um ehrlich zu sein, hatte ich die ganze Zeit über Zweifel, ob ich das Abi schaffen kann. So richtig hatte ich nicht daran geglaubt. Und auch bei meiner Ausbildung im Anschluss saß mir ständig die Angst im Nacken, dass ich wieder versage“, erinnert sich die ehemalige Auszubildende.

Kurzzeitig ging es bergauf

Doch sie versagte nicht. Im Gegenteil: Nach der bestandenen Lehre hing die Rechtsanwaltsgehilfin gleich noch ihr Fachabitur in Richtung Wirtschaft und Verwaltung sowie eine zweite Ausbildung zur Drogistin und Handelsfachwirtin hinten an. Außerdem befand sie sich zu dieser Zeit in einer glücklichen Beziehung, ihr erstes Buch hatte sie ebenfalls schon geschrieben. Alles lief gut - bis Marie Kreßkiewitz anfing, fremdzugehen. „Mein damaliger Freund hat sich daraufhin 2010 kurz vor Weihnachten von mir getrennt. Es war ganz eindeutig mein Fehler, das weiß ich. Trotzdem habe ich ungefähr drei Monate später die ganze Situation nicht mehr ertragen und erneut die Konsequenzen gezogen“, sagt sie und spielt damit auf ihren zweiten Selbstmordversuch an, der genauso wie der erste scheiterte.

Aus heutiger Sicht ist die Schriftstellerin froh darüber. Es sei alles in Ordnung. Im Moment würden sie keine Suizidgedanken plagen, was vor allem an ihrem jetzigen Lebensgefährten liege. Ihn hatte sie während ihres Aufenthalts in einem Oschatzer Pflegeheim via SMS-Chat kennengelernt. „Der Kontakt zu ihm hat mir die Zeit im Heim erträglicher gemacht. Ich habe mich dort nicht wohlgefühlt, sowohl aufgrund der Regeln als auch wegen der Betreuer. Deshalb war ich sehr glücklich, als mich mein Freund zu sich geholt hat. Er und die Mitarbeiter der Tagespflege in Torgau haben mir geholfen, besser mit meiner Lähmung zurechtzukommen, obwohl ich nach wie vor täglich Schmerzen in Beinen und Füßen habe.“

Eine der Pflegekräfte liest auch die Bücher von Marie Kreßkiewitz Korrektur. Genauso wie ihre Mutter, mit der die 32-Jährige im Gegensatz zu ihrem Vater wieder in Kontakt steht: „Meine Mutti findet meine Bücher gut und sie ist stolz, dass ich die Biografien in der Berufsschule in Oschatz mehrfach vorgestellt habe. Selbst die Schüler waren beeindruckt von dem Inhalt meiner Bücher.“

Für die Zukunft hat die Autorin weitere Lesungen für Schüler geplant, eventuell sogar in einer Einrichtung in Torgau. Genug Stoff für weitere Bände hat sie in jedem Fall. Ihr Ziel ist es, bis zur Leipziger Buchmesse 2020 den zweiten Teil von „Cindy und die Liebe“ und mindestens  ein weiteres Buch fertigzustellen. Das erste davon möchte sie schließlich auf der Messe präsentieren. Und vielleicht erfüllt sich bis dahin sogar der größte Wunsch von Marie Kreßkiewitz: die Hochzeit mit ihrem Lebensgefährten.


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